Am 22. August kommt es im neuen Wembley-Stadion zum Aufeinandertreffen der „Three Lions“ und der deutschen Nationalmannschaft. Und der Verantwortliche für “laughing.ball“ lässt es sich dieses Mal nicht nehmen, live vor Ort zu sein.

Das letzte Spiel einer deutschen Elf, das ich im Stadion live miterlebte war das 4:1 gegen die USA im März 2006. Den damaligen Spielverlauf fand ich alles andere als prickelnd und das Endergebnis konnte meines Erachtens gerade so die verheerenden Schwächen unserer Kicker übertünchen. Relativ frustriert und mit wenig Hoffnung im Hinblick auf die Weltmeisterschaft verließ ich das Stadion mit meinem Gratis-T-Shirt unter dem Arm. „Der Wendepunkt“ stand darauf. Nach dem Debakel gegen die Italiener in Florenz wenige Wochen zuvor, wurde hier die Wiederauferstehung der Nationalmannschaft proklamiert. Das Erstaunliche ist, dass die erhoffte Abkehr vom Rumpelfussball und die Rückkehr des DFB in die Beletage des Weltfussballs tatsächlich an besagtem Tage in Dortmund ihren Lauf nehmen sollte. So stellte sich später heraus, dass Jürgen Klinsmann bei nicht erfolgreichem Verlauf der Begegnung als Teamchef wohl abgelöst worden wäre. Dass es auch ganz anders hätte kommen können, soll die folgende hypothetische Schilderung aufzeigen.
Ein Sommermärchen war es leibhaftig nicht. Spätestens nach dem Austausch von Jürgen Klinsmann gegen den neuen Bundestrainer Aleksandar Ristic war für Sönke Wortmann klar, dass er die folgenden Wochen nicht damit verbringen würde, diesem hoffnungslosen Haufen von Individualisten mit der Kamera hinterherzulaufen. Er hat sich lediglich ein paar Spiele auf der spärlich besuchten Fanmeile zu Gemüte geführt und sich währenddessen ordentlich die Haare gerauft. Ob er sich im Laufe der WM auch einmal ein Spiel im Stadion ansehen werde, wird er gefragt. Seine Antwort lautet „Es wäre sicherlich kein leichter Weg, wenn es sich um ein Spiel unserer Jungs handelt“. Den Rest des Sommers verbringt er in Brasilien bei kühlen Drinks und heissen Samba-Rhythmen. Das hätten viele andere Deutsche auch lieber getan, denn das beständig nass kalte Wetter trägt nicht gerade dazu bei, dass eine sommerliche Party-Atmosphäre aufkommt.
Dass auf Wunsch des neuen Nationaltrainers das Trainingsquartier in Malente aufgeschlagen wurde, musste noch nicht unbedingt ein schlechtes Omen sein. Dass es in den Testspielen gegen Kolumbien ein 3:8 setzte war bereits alarmierend und als selbst gegen den gedachten Sparringspartner Luckenwalde nur ein 3:3 zu Stande kommt, schwankt die Nation zwischen purer Verzweiflung und der Hoffnung auf die Turnierstärke Deutschlands. Dass nach langer Zeit wieder einmal “Titan“ Oliver Kahn Schwächen zeigt, ist für viele das Sinnbild des Misserfolges. Im ersten Spiel gegen Costa Rica patzt er vor den Treffern für die Mittelamerikaner gleich zweimal. Beinahe alle Pessimisten fühlen sich bestätigt: „Spätestens hier musste eigentlich jedem klar sein, dass das Turnier nur im Desaster enden kann.“sinnieren im WM-Rückblick unisono Günter Netzer und Gerhard Delling. Einzig der eingewechselte Kevin Kuranyi rechtfertigt das Vertrauen des neuen Trainers und verhilft der Mannschaft mit zwei späten Treffern zum ersten Punkt. Als Oliver Kahn später von einem Journalisten danach gefragt wird, ob seine Fehler auf den zunehmenden Druck zurückzuführen sind, wird der Bayern-Keeper zunächst ausfällig „Knie nieder, du Bratwurst“ und streckt den Schreiberling dann mit einer rechts-links-Kombination zu Boden. Ristic reagiert und schickt Kahn nach Hause. Timo Hildebrand wird die neue Nr. 1, da Jens Lehmann bereits vorher erklärt hatte, nicht als 2. Mann zum Turnier mitfahren zu wollen.
Nach dem 1:0 gegen Polen wird von der einheimischen Boulevard-Presse bereits gefrotzelt „schwarz-rot-gruselig“. Die seriöse Berichterstattung hingegen kann bestenfalls eine taktische Meisterleistung erkennen. Dass der Sieg durch einen von Ballack verwandelten Foulelfmeter zu Stande kommt ist weniger schlimm, als die Tatsache, dass dem Pfiff eine astreine Schwalbe von Miro Klose vorausging. So sorgt er mit dafür, dass es nach Spielschluss zu Tumulten rund um Schiedsrichter Graham Poll kommt. Dieser hatte im Laufe der Begegnung komplett den Faden verloren. Bester Beweis hierfür ist die Tatsache, dass er Jens Nowotny trotz einer Notbremse, einem Handspiel auf der Linie und einem Ellenbogencheck gegen Ebi Smolarek nicht einmal gelb zeigt, den Dortmunder Stürmer jedoch wegen Reklamierens mit der Ampelkarte vorzeitig zum Duschen schickt, und das, obwohl dieser noch nicht verwarnt war. Das beherzte Eingreifen von Torsten Frings, der sich schützend vor den Unparteiischen stellt, verhindert Schlimmeres. Die Gazzetta dello Sport schlägt Frings daraufhin zum Träger der Fairplay-Medaille vor. Sepp Blatter persönlich überreicht sie ihm vor dem Spiel gegen Ecuador. Miro Klose hingegen zeigt sich geläutert und erklärt solch ein unsportliches Verhalten nie wieder an den Tag legen zu wollen. Zu Frings Auftreten meint er „Der Torsten ist halt einer, der sich nicht so leicht verbiegen lässt, auch wenn der Wind mal aus einer anderen Richtung weht.“
Gegen die Südamerikaner schleppt sich das Team zu einem müden 1:1. Ein Sonntagsschuss von Schweinsteiger findet den Weg ins Netz. Nach dem postwendenen Ausgleich schieben sich die Ecuadorianer und unsere Jungs den Ball nur noch zu. Das Berliner Publikum schwenkt weiße Papiertaschentücher. Jeder Anwesende weiß, dass mit diesem Ergebnis beide Teams in die nächste Runde einziehen und die zeitgleich spielenden Polen die “Gelackmeierten“ sind.
Im Achtelfinale wartet dann überraschenderweise die Mannschaft aus Trinidad und Tobago, die in ihrer Gruppe Paraguay und Schweden eliminieren konnten. Als es nach 90 Minuten immer noch 0:0 steht, veranlasst die sichtlich verärgerte Bundeskanzlerin, dass sämtliche Trommeln aus dem Gästeblock entfernt werden. Angeblich stellen sie ein nicht zumutbares Sicherheitsrisiko dar. Endlich ist anstatt der nervtötenden Trommelei wieder das bekannte, stakkatoartige „Sieg“-Geschrei aus dem heimischen Block zu vernehmen. Weiter hat die Verlängerung nichts Spektakuläres mehr zu bieten und so muss ein Elfmeterschiessen über das Weiterkommen entscheiden. Dank der Tipps von Co-Trainer Peter Neururer ist Timo Hildebrand hier in der Lage drei Strafstöße zu parieren. Jedes Mal wenn ein Schütze des Gegners, der laut Neururers Datenbank zur linken Ecke tendiert, antritt, führt der deutsche Co einen Walzer auf. Bei Spielern, die bevorzugt die rechte Ecke wählen, begeistert er das Publikum mit einem Cha-Cha-Cha. Eine weitere Folge des Spiels und der Behandlung der auswärtigen Fans ist der Abbruch der diplomatischen Beziehung. Außerdem werden sämtliche Überlegungen zur Städtepartnerschaft zwischen Rotenburg und Port of Spain auf Eis gelegt.
Die Geschichte des Viertelfinals ist schnell erzählt. Die Gala des Lionel Messi beendet die Hoffnungen Fussball-Deutschlands auf eine Kehrtwende hin zu besseren Zeiten. Einem Hattrick zwischen der 49. und 76. Minute hat Deutschland nur noch den Anschlusstreffer des aufgerückten Liberos Wörns entgegenzusetzen. Den Durchmarsch der Gauchos bis ins Finale hingegen, können auch die Italiener nicht stoppen. Dort treffen sie auf England und verlieren im Elfmeterschiessen. Messi lupft seinen Strafstoß arrogant gegen die Latte. Auch den weiteren Schützen Cambiasso und Ayala versagen die Nerven. Die Engländer hingegen verwandeln alle Strafstöße traumhaft sicher und sind Weltmeister.

Das alles hätte mit ein wenig Phantasie passieren können. Ich nehme an, das Spiel im neuen Stadion wird nicht so entscheidend für die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft sein. Andererseits sollten gerade hier beste Voraussetzungen für weitere historische Momente vorliegen. Ich freu mich auf das neue Wembley.

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