Sonntag, 3. Juni 2007

Was Ernstes...

Wie schon aus meinen vorangegangenen Texten zu erkennen ist, bin ich zwar Fan des SV Werder Bremen, jedoch kein „waschechter Bremer“. Ich bin weder in dieser Stadt geboren, noch aufgewachsen, noch habe ich entfernte Verwandte dort wohnen. Ich entschied mich für diesen Verein aus einer jugendlichen Laune heraus, die sich mittlerweile nach 17 Jahren Fan-Zugehörigkeit schlecht leugnen und noch viel schlechter revidieren lässt.

Andere Opportunisten aus meinem näheren Umfeld haben weitaus weniger Probleme damit, ihr Image zu switchen und den Verein zu wechseln wie andere Leute ein Paar Socken. Die extremste Form sei hier dargestellt am Beispiel eines guten Bekannten, der in seiner Jugendzeit nur zu gerne das Image des Punkers und Systemgegners pflegte und sich folgerichtig zum FC St. Pauli bekannte. Das war schon sein zweiter Club, denn vor der Pubertät sah man ihn zumeist im schwarz-gelben Outfit des frisch gebackenen Champions-League Siegers Borussia Dortmund herumstolzieren. Nach Ruhrpott und Hansestadt war nach Ablegen der Nietenweste der Weg frei für einen neuen Verein, der, für einen Rheinländer kaum nachvollziehbar, 1860 München heißen sollte. Doch auch mit diesem Club war er trotz einiger Stadionbesuche nicht vollends zufrieden. Andere hätte der Abstieg 2004 noch stärker mit dem Lieblingsverein verbunden. In diesem Falle verloren die Löwen mit dem Gang in die Zweitklassigkeit jedoch einen weiteren Fan. Das vorläufige Ende fand das „Bäumchen-wechsel-dich-Spiel“ vor wenigen Wochen. Wie ich unlängst in einem Internetportal nachlesen konnte, ist mein Bekannter jetzt im Rheinland angekommen. Er beschwerte sich öffentlich darüber, dass dem 1. FC Köln das Schicksal in der Partie gegen Hansa Rostock nicht wohl gesonnen war. „Warum können wir nicht einmal Glück haben?“. Er hatte tatsächlich „wir“ geschrieben und damit wohl zum Ausdruck bringen wollen, dass er nun für die Daum-Truppe seine Hand ins Feuer legt.

Das ist sicherlich die außergewöhnlichste Form die Vereine auszutauschen. Erschreckend ist jedoch, dass ich auch andere ihre Farben habe wechseln sehen, egal ob sie es nun mit Bremen, Schalke oder Dortmund hielten. Ich möchte es ihnen ungern gleichtun. Ich will keiner sein, der seinen Verein aus reiner Bequemlichkeit aufgibt. Es kann für mich kein Argument sein, dass mich eine Anreise zum Heimspiel einen nicht unerheblichen Betrag kostet und eine ätzend lange Auto- oder Zugfahrt beinhaltet. Oder doch? Schließlich bin ich kein Mitglied in einem Fanclub und so muss ich mich um das Logistische alleine kümmern, habe andererseits aber auch alle Freiheit selber zu entscheiden, welche Spiele ich mir ansehen möchte und welche nicht. Zusammengefasst heißt das, ich bin ein Einzelkämpfer. Und bislang brauchte ich auch niemanden, der mich motiviert, all die Strapazen auf sich zu nehmen, um Werder spielen zu sehen. Aber wird das so bleiben? Werde ich der langen Fahrten irgendwann müde? Bin ich dann nicht mehr daran interessiert, wie Werder sich in der Bundesliga schlägt? Was ist wenn sie einmal absteigen? Werde ich dann mit der gleichen Euphorie zu den Spielen nach Jena und Paderborn fahren, wie ich jetzt in Richtung Berlin und München aufbreche? Was ist wenn plötzlich Frau, Freundin oder sogar Kinder meine Zeit in Anspruch nehmen möchten? Kann ich mein Ding dann weiter wie bisher durchziehen oder werde ich einer von denjenigen sein, auf die ich momentan mit Verachtung herabblicke? Diejenigen, die meinen, sich Fan nennen zu dürfen, nur weil sie im Pay-TV Woche für Woche das Spiel ihres Vereins im gut geheizten Wohnzimmer verfolgen.

Wann wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich einmal vergessen haben werde, dass ich mit ganzem Herzen und Leidenschaft hinter diesem Verein stand? Werde ich all das, was ich erlebt habe, dann mit einer abwinkenden Handbewegung von mir weisen wollen? Wird von heute auf morgen Schluss sein? Ich weiß es nicht. Nur eines ist sicher. Irgendwann wird jedem Exil-Fan die Gretchen-Frage gestellt “Wie hältst du es mit deiner Religion?“