Freitag, 12. Oktober 2007

Unter den Teppich!?

Wie schön das doch klingt, wenn manch einer den Sport ob seiner unpolitischen, völkerverbindenden und pazifistischen Grundeinstellung lobt.

Rückblende: München 1972. Es sollten und, in der Tat, es waren die heitersten olympischen Spiele, die bis dato stattgefunden hatten. Ein wahres Fest der Völker. Ein Spektakel für die Zuschauer aus aller Welt mit einem Mindestmaß an Sicherheitsvorkehrungen und nicht zuletzt eine gelungene Selbstdarstellung des neuen Deutschlands. In den Köpfen vieler begann sich das Bild der bösen Deutschen zu wandeln. Das Bild von den Deutschen, die 1936 die olympischen Spiele benutzt hatten um ihre kriegerischen Absichten vor der Welt möglichst zu verheimlichen. Als dann das Unmögliche passierte und jüdische Sportler zunächst als Geiseln genommen und später nach einer diletantischen und erfolglosen Befreiungsaktion deutscher Polizisten starben, war es vorbei mit den heiteren Spielen.

Unter den Opfern befand sich auch Andre Spitzer, Trainer der israelischen Fechtmannschaft. Seine Frau Ankie Spitzer berichtete einst eindrucksvoll, dass ihr Mann während der Spiele den Gedanken der Völkerverständigung bei Olympia lebte. Offen ging er nach den Wettkämpfen auf die Sportler aus den Nationen zu, welche die Juden am liebsten zurück ins Meer treiben wollten und fragte sie ehrlich nach deren Resultaten. Und er bekam auch ehrliche Antworten.

Es ist beinahe beängstigend wenn man die Parallelen zum Jahr 2007 bedenkt. Nach einer gelungenen Weltmeisterschaft, welche sogar von den sonst so kritischen Engländern (man erinnere sich an die "ten german bombers"), mit großer Freude und Respekt für die Gastfreundschaft aufgenommen wurde, machten zunächst Berliner Amatuerkicker Schlagzeilen, als eine jüdische Mannschaft Opfer antisemitischer Verbalattacken wurde, und jetzt ist da noch der Fall Dejagah. Der ist Deutsch-Iraner, aber laut eigener Aussage eher Iraner, was ihn aber nicht daran hindert, für die deutsche U21-Nationalmannschaft zu spielen. Er wäre dabei auch nicht der erste Nationalspieler, der aufgrund seiner Familientradition auch für eine andere Nation gegen den Ball treten könnte. Patrick Owomoyela könnte heute für Nigeria verteidigen, Lukas Podolski und Miroslav Klose hätten der polnischen Nationalmannschaft als Stürmer bestimmt hervorragende Dienste erwiesen und Oliver Neuville wäre in der Schweiz wohl auch als aktueller Zweitliga-Spieler immer noch im Kader der "Nati". Dass sie gerade für Deutschland antreten, ist jedoch nicht unbedingt eine Frage des Nationalbewusstseins, sondern oftmals eine Vernuftsentscheidung.

Alle genannten Spieler (mit Ausnahme des nicht berücksichtigten Owomoyela) wären mit ihren anderen Optionen bei der WM 2006 wohl niemals auch nur in die Nähe des 3. Platzes gekommen bzw. hätten gar nicht erst an diesem Turnier teilgenommen. So verhält es sich mit Ashkan Dejagah ähnlich. Die iranische Nationalmannschaft bietet bei weitem nicht die Perspektive und Möglichkeiten im internationalen Fussball zu glänzen. Also spielt man für Deutschland. Dumm nur, dass gerade dieses Land allergrößten Wert auf die Beziehung zu Israel legt, was dem iranischen Präsidenten herzlich egal ist, da dieser eher Sympathien für das alte Deutschland von 1936 hegt. Gut ist dann wiederrum, dass Vergleiche zwischen deutschen und israelischen Fussballmannschaften nur alle paar Jahre und dann zumeist noch ohne Wettbewerbscharakter stattfinden. Und weil man ja für Deutschland nur wegen der persönlichen Karriere spielt, ist das nicht so schlimm, wenn man dieses eine Spiel verpasst?!

Um zu verdeutlichen, was hier eigentlich Sache ist, sollte man an dieser Stelle noch einmal zusammenfassen. Durch Deutsche wurden im Zeitraum von 1933-1945 6 Millionen Juden umgebracht. In der deutschen Nachkriegsgeschichte waren (einige) Deutsche aufgrund diesen schwarzen Flecks in der Geschichte gerade auf dem Gebiet des Sports darum bemüht, wieder halbwegs normale Beziehungen mit Israel zu erreichen. Mit der WM und einer multikulturellen Nationalmannschaft hat Deutschland ein positives Image nach Außen getragen. Ashkan Dejagah, der vermutlich nur aus Gründen der persönlichen Karriereförderung für Deutschland antritt, weigert sich gegen Israel zu spielen.

Wenn der DFB jetzt meint, diesen Vorgang unter den Teppich kehren zu können, nur damit dem deutschen Fussball kein Talent laufen geht, dann hätte man sicherlich viele gute Ansätze der WM mit einem Schlag widerlegt und das Andenken an Andre Spitzer mit Füßen getreten.