Freitag, 2. November 2007

Sonderzug

Manchmal verlasse ich das gewohnte grün-weiße Terrain und widme mich auch anderen Vereinen. Dies tue ich, da sich einige meiner Freunde bei Zeiten aufopfern und mit mir zu Werder fahren.

Auf diese Art und Weise kann ich dann ab und zu etwas zurückgeben und begleite die Jungs wiederum zu den Spielen ihrer Vereine. Ich würde das bei so ziemlich jedem Club mitmachen, um mal einen Einblick von deren Fankultur und –struktur zu erhalten. Manchmal aber auch, um einfach Spaß zu haben.

Dieses Mal führte mich mein Weg mit dem FC Köln nach Osnabrück. Bei zweieinhalb Stunden Sonderzugtour für 23,- Euro inklusive Eintrittskarte schien mir das die geeignete Feiertagbeschäftigung zu sein. Begleitet von einer privaten Security-Staffel und einer überschaubaren Anzahl an Polizisten ging es um 16.15 in Köln Hauptbahnhof los. Gekonnter Ellenbogen-Einsatz beim Einsteigen verhalf uns zu einem schmucken Vierer in einem der Wagons, die den deftigen Geruch der 80er Jahre mit sich trugen und dazu einluden, die nächsten zweieinhalb Stunden mit Dosenbier und Zigaretten in der Anonymität eines Sonderzuges zu verbringen.

So war es beschlossen und eigentlich auch vorhersehbar, dass der Promillespiegel aller Mitfahrer, sofern nicht eh schon vorhanden, unverzüglich in die Höhe schnellte. Gesanglich wurde in unserem Abschnitt nicht viel geboten, was aber von Wagen zu Wagen und unter Berücksichtigung der Zusammensetzung der Mitreisenden variierte. Seine Mitfahrer lernte man vor allem beim Toilettenbesuch kennen. Auf den Fluren vor den Klos staute sich vermutlich von Leverkusen an eine Masse von Fans, was schlichtweg auf die zu geringe Anzahl an Örtlichkeiten zurückgeführt werden konnte.

Und da es sich um keine angenehme Angelegenheit handelt, wenn man nicht darf, wenn man muss, wurde das Kreativzentrum der Fans bezüglich einer Notfallplanung aktiv. Zunächst konnte man sich noch einigen, zu zweit das „Häuschen“ aufzusuchen, wo dann einer die Toilette und der andere das Waschbecken nutzte. Später dann wurden die leeren Kölschdosen wieder aufgefüllt und verschwanden anschließend durch gezielte Würfe in der nächtlichen Landschaft neben den Gleisen. Da dies jedoch einigermaßen umständlich erschien, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Zwischenräume so sehr mit Urin versehen waren, dass sich kleine Flüsse langsam ihren Weg in Richtung der Sitzplätze bahnten. In dieser Situation hatte dann auch der verwahrloste “Express“ noch eine sinnvolle Aufgabe beim Aufsaugen zu erledigen. Dass darauf geachtet wurde, dass das Mädchen von Seite 1 zu erkennen war, zeugt ganz nebenbei von einem Mangel an attraktiven Frauen im Zug. Was man in diesem Zusammenhang nur als sadistisch bezeichnen kann, ist die Tatsache, dass ein Sicherheitsmensch einen “Eckenpinkler“ dazu verdonnerte „seinen Anteil“ an den 58 Sorten Urin mit einem Taschentuch aufzuwischen. Ein Vorgang, bei dem mancher wohl lieber die Strafe gezahlt hätte.

Irgendwann kam man, nach einer Masse “guter Gespräche“ über die Tabellensituation des FC, das nervige Rumgezicke von Freundinnen und Geschichten über vergangene Tage, in Osnabrück an. Das Spiel an sich ist da eigentlich gar nicht der Erwähnung wert, da relativ schnell (genau genommen nach 8 Minuten) klar war, dass Köln nichts reißt. Bemerkenswert war schon eher, dass 90 Minuten dauerhaft und laut supportet wurde. Die beiden (!) Vorsänger machten dabei eine gute Figur und auch der Trommler verstand was von seinem Handwerk. Erst dem Abpfiff des Schiedsrichters ließ der rot-weiße Block ein eigenes Pfeifkonzert folgen und entließ die Versager mit Schmähungen in Richtung Kabinengang.

So stand die Rückfahrt an und es zeigte sich am Bahnhof, dass auch in Köln noch einiges an rechtem Potential herumläuft oder sich zumindest gut bemerkbar machen kann. So vertrieben sich Einige die Zeit mit „Juden, Juden Osnabrück“-Rufen. Das führte dazu, dass eben jene Leute wenig später zu Hauptdarstellern eines Polizeivideos avancierten. Die weitere Fahrt zurück in die Domstadt verlief dann doch recht unspektakulär, da alle ziemlich enttäuscht vom Auftritt des FC waren und lieber tranken oder Bifis in sich reinstopften als ein konstruktives Gespräch zu suchen.

Und wie Menschen das so gerne tun, kann man sich an dieser Stelle die Sinnfrage stellen. Was also kann man von solch einer Fahrt an Erkenntnissen mitnehmen? Vielleicht, dass Sonderzüge eine preiswerte und gemütliche Möglichkeit darstellen, um zum Fussball zu fahren? Richtig! Vielleicht, dass sich gerade auf solchen Touren immer wieder zeigt, dass Rechtsradikalismus im Fussball keine Randnotiz ist? Richtig! Vielleicht, dass ich meine freien Tage sinnvoller nutzen sollte? Ich weiß es nicht! Was ich aber weiß, ist dass drei Toiletten in einem Sonderzug eine logistische Fehlleistung darstellen.